von Benedikt Manegold
Funktionserweiterungen in der Innenstadt mit AR
Funktionserweiterungen in der Innenstadt mit AR
von Benedikt Manegold
“Der Anspruch an die Innenstadt wandelt sich von einem reinen Konsum- hin zu einem Erlebnisort, der konsumunabhängige Aufenthaltsqualitäten im urbanen Raum voraussetzt. So kann die Funktion des stationären Einzelhandels nicht mehr die primäre Rolle des Frequenztreibers übernehmen.” (ELASTICITY, 2021, S. 15)
Die starke Fokussierung der Innenstadt auf den Einzelhandel ist eine der Ursachen der Innenstadt-Krise. Entsprechend liegt einer der Hebel zur Überwindung der Krise im Aufweichen dieser Fokussierung:
Stadtzentren müssen künftig ein „buntes Erlebnis“ für ganz unterschiedliche Zielgruppen bieten: eine Mischung von Angeboten nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zur Freizeitgestaltung mit Gastronomie, Kultur-, Sport- und Dienstleistungsangeboten. (cima.monitor 2024, S. 19)
Mit dieser stärkeren Mischung von verschiedenen Funktionen verbinden Experten beispielsweise des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat – das Potential für Innenstädte, ihre Position für die Zukunft zu stärken und wichtige Entwicklungen anzustoßen. (Deutsches Institut für Urbanistik, Frischer Wind in die Innenstädte 2022, S. 19) Dahinter liegen nicht zuletzt auch gesellschaftliche Entwicklungsprozesse zur stärkeren Individualisierung, wie der Deutsche Städtetag 2021 in seinem Positionspapier “Zukunft der Innenstadt” festhielt. Denn dieser Prozess wirkt sich auch auf die Vorstellungen der Menschen aus, wie der öffentliche Raum in Innenstädten gestaltet und genutzt wird. Außerdem registriert der Städtetag eine höhere Erwartung der Bürgerinnen und Bürger, in Stadtentwicklungsprozesse mitbefragt zu werden. Aber auch neuen Akteuren muss für eine erfolgreiche Transformation mehr Raum in den Innenstädten gewährt werden: “Die aktive Einbindung der Kreativwirtschaft, Kulturschaffender oder gemeinwohlorientierter Initiativen kann neue Potenziale aufzeigen und gleichzeitig die Umsetzung von einzelnen Projekten befördern.”
Auch das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation hat in seiner 2021 veröffentlichten Studie mit dem Titel “ELASTICITY- Experimentelle Innenstädte und öffentliche Räume der Zukunft” betont, dass der öffentliche Raum als Ort der Begegnung und Aushandlung eine wichtige Stütze der demokratischen Gesellschaft ist. Die “Deutschlandstudie Innenstadt” weist ebenfalls auf die Bedeutung dieser Funktionen für die Innenstadt hin:
“Nicht zu unterschätzen ist das Bedürfnis der Menschen sich zu treffen […]. Die Innenstadt ist in diesem Sinne auch gesellschaftspolitisch ein wichtiger Raum, der den Menschen die Möglichkeit bietet, sich auszutauschen.”
Der Tenor ist eindeutig: Die Multifunktionalität zu stärken, erhöht die Attraktivität der Innenstadt. Das wiederum erhöht die Passantenfrequenz, was am Ende den stationären Einzelhandel stärkt.
Handel & Dienstleistungen
Der Krise zum Trotz ist und bleibt der Handel aktuell alleine zahlenmäßig die dominante Funktion innerhalb der Innenstädte. Umfragen unter Besuchenden bestätigen diese Erkenntnis: Der Einkauf ist nach wie vor der Hauptanlass für einen Besuch der Innenstadt (Küffmann, Veith, Leickmann). Es wird aber erwartet, dass sich diese Motivation graduell verschieben wird, und bald nicht mehr die Deckung eines konkreten Bedarfs die Hauptmotivation für den Besuch der Innenstadt ist. Stattdessen wird der “Einkaufsbummel als Freizeitaktivität”, bei dem Spaß und Zerstreuung und sozialer Austausch im Vordergrund stehen, wichtiger werden. (Beverungen) Hier rücken also die verschiedenen Nutzerbedürfnisse stärker in den Vordergrund.
Trotzdem kann der Handel die Besucherfrequenz nicht mehr wie früher, als es vor allem noch keine Konkurrenz durch den Online-Handel gab, alleine aufrechterhalten. Entsprechend sind alle Maßnahmen, die allgemein auf die Erhöhung der Besucherfrequenz in der Innenstadt zielen, für den Einzelhandel gewinnbringend.
Beverungen betont, dass durch den Einsatz von Trendtechnologien neue Zielgruppen erreicht werden können. Auch die Möglichkeit der standortbezogene Kundenansprache wird als Vorteil des stationären Einzelhandels ins Feld geführt. Gerade hier gelte es, diese Stärken der physischen Präsenz beizubehalten, und mit neuen Technologien zu mischen um “so die besten Eigenschaften beider Welten zusammenführen”. Kurz: Durch ein “technisches Update” kann die Einkaufsfunktion attraktiver werden und den Fokus von der reinen “Bedarfsdeckung” zur “Zerstreuung” verschieben.
Mit Augmented Reality lassen sich genau solche neuartigen Einkaufserlebnisse schaffen oder zusätzliche Angebote kreieren. Eine Strategie ist es also, durch AR-Angebote zusätzliche Anreize für einen Innenstadtbesuch zu schaffen. Diese Angebote können dann abseits vom Einkauf Spaß, Zerstreuung und sozialen Austausch fördern. Jedes Angebot, das Nutzern diese Erlebnisse bietet und damit in die Innenstadt lockt, ist im Umkehrschluss auch ein Gewinn für den Handel. Wie bereits erwähnt besteht aber auch die Möglichkeit, die Einkaufsfunktion technisch anzureichern, beispielsweise durch digitale Anproben, AR-gestützte Produktpräsentationen und ähnlichem [s. AR-Module] . Auch über diese neuartigen Ansätze lassen sich über die Einkaufsfunktion verschiedene Nutzerbedürfnisse ansteuern.
Diese Beobachtungen und Schlüsse hinsichtlich der Einkaufsfunktion lassen sich ebenfalls auf die Dienstleistungsfunktion anwenden.
Tourismus
Die touristische Funktion zielt besonders darauf ab, Menschen, die mit der Innenstadt nicht vertraut sind, schnell Informationen zur Verfügung zu stellen und allgemein Orientierung zu bieten. Hier kann AR sehr gut eingesetzt werden, um diese Funktion zu stärken und zu verbessern. Mit Mikronavigation in AR finden Touristen schnell und zuverlässig die Sehenswürdigkeiten und Orte, die sie aufsuchen möchten und für die sie sich interessieren. Die AR-Zone bietet hier die Möglichkeit, Touristen sowohl Toys als auch Tools zur Verfügung zu stellen, mit denen sie die Innenstadt, ihre Geschichte und ihre Sehenswürdigkeiten selbstständig zu entdecken und zu erleben.
Die touristischen Angebote lassen sich besonders gut in AR anbieten: Viele unterschiedliche Themen können abgedeckt werden, weniger hohe Wechsel der Inhalte sind notwendig als beispielsweise bei kulturellen Angeboten. Dabei lassen sich sowohl Toys als auch Tools touristisch einsetzen. So können sie etwa bei der Navigation durch die Innenstadt unterstützt werden. Ein besonders gutes Beispiel für eine Funktionserweiterung der Innenstadt um Tourismus ist die Anwendung “Stirling XP” . Sowohl die kognitiven als auch die affektiven Bedürfnisse der Touristen lassen sich aufgreifen
Soziales
Die soziale Funktion begreift die Innenstadt als einen Ort, an dem sich Menschen treffen und austauschen. Laut der Deutschlandstudie Innenstadt 2024 (cima.monitor) hat die starke Zuspitzung der Innenstadtfunktion auf den Einzelhandel gerade hier ein akutes Vakuum geschaffen: Die Bedeutung der Innenstadt als gesellschaftspolitischer Raum, an dem Menschen zusammenkommen und sich austauschen, hat laut der Studie abgenommen
Die soziale Funktion ist eng verknüpft mit physischen Räume bzw. Treffpunkten. Dabei kann es sich z.B. um Cafés oder aber auch öffentliche Plätze handeln. Allerdings gewinnen gerade konsumfreie Räume laut der Deutschlandstudie Innenstadt 2022 (cima.monitor) besonders an Bedeutung. Öffentliche Plätze sind vor allem dann attraktiv, wenn sie begrünt und sauber sind.
AR ist zwar weniger dazu geeignet, diese Räume zu schaffen. Dafür liegt ihre Stärke darin, Interaktionen zwischen Menschen zu ermöglichen und anzustoßen. Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren von “Pokémon Go” war es etwa, dass die App Gleichgesinnte zusammengeführt hat, die sich im Spiel miteinander messen und darüber hinaus über ihre Lieblings-Pokémon austauschen konnten. Pokémon Go war also erfolgreich darin, Menschen an einem Ort zusammenzubringen.
AR kann es den Menschen aber auch ermöglichen, sich in Prozesse einzubringen, wie durch die App „VR-Planning„, die Menschen stadtplanerische Entwürfe näherbringt. Die Nutzer haben hier die Möglichkeit, als Teil der Stadtgemeinschaft ihren Vorstellungen und Wünschen Ausdruck zu verleihen. Hier wird das sozial-interaktive Bedürfnis der Nutzer angesprochen, weil es ihnen ermöglicht, bei einem Thema – wie beispielsweise den Umgestaltungsvorschlägen für einen öffentlichen Platz – mitzureden.
Die soziale Funktion in einer Innenstadt lässt sich aber auch durch Elemente der Social AR-Zone stärken. Hier haben die Besucher die Möglichkeit, analog zu den Sozialen Medien, Inhalte zu teilen, zu liken und untereinander zu interagieren.
Kulturelles & Freizeit
Kulturelles und Freizeit werden an dieser Stelle zusammen betrachtet. Beide Funktionen berühren sich an vielen Punkten. Beide versuchen primär, Erlebnisse für die Nutzer in der Innenstadt zu schaffen. Sie unterscheiden sich entweder durch die agierenden Akteure: Hinter kulturellen Angeboten stehen in der Regel klassische Akteure aus dem Kulturbereich, wie Museen, Theater, freie Künstler oder Teile der Kreativwirtschaft. Freizeitangebote können dagegen von einer sehr viel breiteren Akteursbasis stammen.
Gerade den kulturellen Akteuren, die oft nicht über nötige Ressourcen verfügen, permanent ihre Arbeiten oder Projekte direkt vor Ort in der Innenstadt zu präsentieren, erhalten durch die AR-Zone kostengünstig digitalen Raum in der Innenstadt. Aber auch verlassene physische Räume, allen voran Leerstände, lassen sich durch kulturelle AR-Angebote zeitweise als z.B. Übergang zwischen zwei Nutzungen wiederbeleben.
Nimmt man AR-Anwendungen als solches in den Blick, lässt sich im Allgemeinen festhalten, dass Anwendungen aus dem kulturellen Bereich stärker die kognitiven Nutzerbedürfnisse in den Blick nehmen, Freizeitanwendungen dagegen stärker auf die affektiven Bedürfnisse zielen. Dabei handelt es sich allerdings nur um eine sehr allgemeine Unterscheidung, die im Einzelfall überprüft werden muss.
Anwendungen, die kulturelle oder freizeitliche Funktionen ansprechen, können kurzfristig vor allem bei unregelmäßigen Innenstadtbesuchern immer wieder neue Anreize für einen Besuch setzen. Über die Inhalte können unterschiedliche Zielgruppensegmente angesprochen werden. Durch zeitliche Begrenzung der Angebote lässt sich darüber hinaus durch FOMO (“Fear of Missing Out”) der Anreiz weiter erhöhen.
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Beverungen, Daniel; Becker, Jörg; Gadeib, Andera; Schmitz, Gertrud (Hgg.): Interaktive Einkaufserlebnisse in Innenstädten. Digitale Dienstleistungen mit der smartmarket²-Plattform (2022).
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cima.monitor: Deutschlandstudie Innenstadt (2024). https://cimamonitor.de/deutschlandstudie-innenstadt/
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Deutscher Städtetag: Zukunft der Innenstadt. Positionspapier des Deutschen Städtetags (2021).
https://www.staedtetag.de/positionen/positionspapiere/2021/zukunft-der-innenstadt -
Deutsches Institut für Urbanistik: Frischer Wind in die Innenstädte (2022).
https://difu.de/publikationen/2022/frischer-wind-in-die-innenstaedte -
Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation: ELASTICITY. Experimentelle Innenstädte und öffentliche Räume der Zukunft (2021).
https://publica.fraunhofer.de/entities/publication/56bd6924-9470-41c9-9321-380acf421bd9 -
Küffmann, Karin; Meickmann, Lena; Veith, Tobias: Digitalisierung für eine besucherorientierte Innenstadt? Stadtentwicklung über digitale Informationswege und -aktiviatoren zur einer stärkeren Besucherbindung neu denken (2025).
