von Benedikt Manegold
Definition AR-Zone
Definition AR-Zone
von Benedikt Manegold
Die AR-Zone beschreibt einen konkreten, in räumlich abgeschlossenen Bereich einer Innenstadt, in der Augmented Reality-Inhalte bereitgestellt werden, die durch den Einsatz entsprechender technischer Endgeräte genutzt und konsumiert werden können. Dabei sind die Inhalte räumlich gebunden, d.h. nur in der Innenstadt selbst und nicht beispielsweise vom heimischen Wohnzimmer aus erlebbar. In diesem Sinne ist die AR-Zone ein Bereich einer Innenstadt, in dem virtuelle und physische Welt miteinander verschmelzen.
Mit dieser Verschmelzung setzt die Idee der AR-Zone auf dem Konzept des Metaverse auf. Allerdings wird das Konzept in einem entscheidenden Punkt variiert: In der Regel werden Metaversen so konzeptualisiert, dass die Verschmelzung der digitalen und physischen Welt in einem virtuellen Raum stattfindet. Die AR-Zone geht aber den umgekehrten Weg und verankert digitale Inhalte in der realen, physischen Welt der Innenstadt. So vereint die AR-Zone die Vorteile und Stärken der virtuellen und der physischen Welt zu einem hybriden sozialen Raum.
Synergie-Effekte im Herzen der Stadt
Die Idee der AR-Zone entstand vor dem Hintergrund der Innenstadtkrise, die seit vielen Jahren diskutiert wird und sich vor allem durch die Krisen und Preissteigerungen der letzten Jahre weiter intensiviert hat. Viele Studien, die sich in den letzten Jahren mit dem Thema Innenstadtkrise auseinandergesetzt haben, identifizieren fast einstimmig die starke Verengung auf den Einzelhandel als Hauptursachen für die Krise [Link → Innenstadt-Krise]. Als Lösung empfehlen sie, andere Funktionen in der Innenstadt wieder stärker zu verankern, um so eine stärkere Multifunktionalität der Innenstadt zu erreichen.
Entsprechend ist eines der Ziele der AR-Zone, den Transformationsprozess weg vom Paradigma der Einkaufscity hin zur multifunktionalen Innenstadt einzuleiten und zu unterstützen. Gleichzeitig haben die Innenstädte als Orte, der Krise des Einzelhandels zum Trotz, ihre Funktion als Zentrum oder Herzkammer der Stadt beibehalten. Hier konzentrieren sich in der Regel repräsentative Gebäude, touristische Attraktionen und weitere Points of Interest (POI). Die Innenstädte verfügen immer noch über Anziehungskraft, auch wenn der Besuchsanlass “Shopping” an Bedeutung verliert. Oder anders gesagt: Der ritualisierte Besuch der Innenstadt nimmt ab.
Gleichzeitig zeichnet sich ein Trend zur Eventisierung ab: Stadtfeste, Streetfoodmärkte und ähnliche Events schaffen soziale Happenings in den Innenstädten, die mit Erfolg mehr Menschen in die Stadt ziehen. Ist eine Person erst einmal in der Innenstadt, ist der Gedanke, dort schnell noch eine Besorgung oder Ähnliches zu erledigen, nicht weit. In diesem Sinne schaffen Events eine Multifunktionalität. Dass solche Events in der Innenstadt stattfinden, ergibt auch darüber hinaus Sinn: Innenstädte sind als Zentrum immer auch große Verkehrsknotenpunkte und sind damit beispielsweise mit Regionalexpress, Bus und Straßenbahn gut erreichbar. Vor allem geben Events aus Sicht des Stadtmarketings aber auch immer einen Kommunikationsanlass mit der Öffentlichkeit.
Die Bedeutung der Innenstadt als Nabel einer Stadt führt aber auch zu weiteren Vorteilen, die die Einrichtung einer AR-Zone hier begünstigen. Beispielsweise bieten viele Städte im Innenstadtbereich freies WiFi für ihre Besucher an. Damit ist eine wichtige Grundlage für eine AR-Zone oftmals bereits gelegt. Die räumliche Abgeschlossenheit bietet viele strukturelle Vorteile, gerade in Hinsicht auf eine zentralisierte technische Ausstattung. Beispielsweise kann die AR-Zone auch mit Monitoren ausgestattet werden, die von vielen Akteuren und Stakeholdern genutzt werden können. Für einen Kostenträger alleine wäre diese Technik unerschwinglich. Gleichzeitig wird mit einer höherwertigen technischen Ausstattung die Anziehungskraft der AR-Zone erhöht.
Die AR-Zone setzt also auf die Qualitäten, die Innenstädte – trotz Krise – weiterhin haben, wie eben Zentralität, gute Erreichbarkeit und hohe Anziehungskraft, auf und nutzt diese, um Synergie-Effekte herzustellen. Während genannte Events immer einen hohen Aufwand organisatorischen Aufwand bedeuten, bei dem Strukturen für einen relativ kurzen Zeitraum geschaffen werden, hat die AR-Zone den Vorteil, dass die geschaffenen technischen Strukturen permanent sind. Inhalte lassen sich so leicht austauschen. Dadurch ergeben sich immer wieder neue Kommunikationsanlässe aus Sicht des Stadtmarketings. Aber auch weitere Funktionen können der Innenstadt über diese Inhalte quasi “zugeschaltet” werden, so dass die Nutzer mit einem Besuch viele Bedürfnisse abdecken können.
Die Multifunktionalität wird mit der AR-Zone von zwei Seiten aus gedacht: Einmal von der Anbieterseite: Welche Stakeholder, beispielsweise aus dem Bereich Kunst, Kultur aber auch Verwaltung, können durch AR-Inhalte mehr Raum und Sichtbarkeit in der Innenstadt erhalten? [Link → Stakeholder] Und welche Inhalte werden benötigt um Zielgruppen anzusprechen, die klassischer Weise nicht oder nicht nur vom Einzelhandel zu einem Besuch in der Innenstadt animiert werden [Link → Zielgruppen]. Allgemein zielt die AR-Zone darauf ab, die Besucherfrequenz zu steigern, indem sie zusätzliche Besuchsanlässe bietet.

Die AR-Zone in der Praxis: Die App Smart City erweitert den realen Stadtraum um digitale Ebenen und schafft neue Anlässe für einen Besuch in der Innenstadt.
Technische Grundlagen
Location-Based Augmented Reality
Die Grundlage für diese Verschmelzung ist die Technologie der Location-Based Augmented Reality. Mit ihr lassen sich digitale Inhalte fest mit einem Ort in der realen Welt – also im Fall der AR-Zone in der Innenstadt – verknüpfen. Dabei lassen sich die Inhalte sehr präzise verorten, wodurch sie bestimmte Teile der physischen Welt überlagern können. Voraussetzung ist, dass der aktuelle Standpunkt des Nutzers sehr genau bestimmt werden kann, z.B. durch GPS-Daten, WiFi oder mobile Daten. Erst nachdem durch die Lokalisierung des Nutzers bestätigt wurde, dass er sich am richtigen Ort befindet, sind die digitalen Inhalte zugänglich. [→ LocationBased AR]
Visual Positioning System
Eine weitere Technik, über die der Aufenthaltsort eines Nutzers bestimmt werden kann, ist das Visual Positioning System (VPS). Dabei erfasst das Endgerät über seine integrierte Kamera die Umgebung. Dabei werden Gebäude, Landmarken und Muster mit einer Datenbank abgeglichen, in der eine hochdetaillierte 3D-Karte der Umgebung angelegt ist. Sobald das Gerät eine Übereinstimmung zwischen der erfassten Umwelt und der 3D-Karte findet, kann es seine eigene Position und damit die des Nutzers inklusive Blickrichtung bestimmen und erfassen. [Link → VPS]
Endgeräte
Voraussetzung für die Nutzung sind entsprechende Endgeräte, die über die nötige technische Ausstattung verfügen. Das Smartphone bildet hier die Einstiegsstufe: Smartphones verfügen über die benötigte technische Ausstattung, um Location-based Augmented Reality und VPS zu nutzen. Wegen ihrer relativ geringen Anschaffungskosten sind sie weit verbreitet, laut Statista besitzen rund 71 Millionen Menschen in Deutschland ein Smartphone, also die deutliche Mehrheit.
Bereits heute werden Location-Based AR-Anwendungen für Smartphone-Nutzer angeboten, beispielsweise im Rahmen von City Apps. In der Regel nutzen diese Anwendungen die Kamera eines Smartphones oder Tablets. Die Benutzer:innen schauen durch die Kamera in die reale Umgebung. Das Bild, das die Kamera von der Umgebung liefert, wird auf dem Display durch die Überblendung rein digitaler Elemente zusätzlich erweitert.

Mit der AR-Zone und ihrer Standortbezogenheit ergibt sich aber auch die Möglichkeit, technische Infrastruktur permanent zur Verfügung zu stellen, beispielsweise freies Hochgeschwindigkeits-WiFi im Innenstadtbereich, aber auch andere technische Vorrichtungen wie Kameras, Monitore und Projektoren. Durch die Bereitstellung von ergänzender Infrastruktur sind innerhalb der AR-Zone AR-Anwendungen möglich, die technisch aufwändiger sein können als Pendants, die ausschließlich die Rechenleistung eines mobilen Endgeräts wie Smartphone oder Tablet nutzen.
Heutige Smartphones und Tablets trotz allen Potenzials auch durch zusätzliche Infrastruktur technisch betrachtet Engpässe, ihre Rechenleistung ist oft zu gering, um komplexere Augmented Reality Anwendungen umzusetzen. Immersivere Erlebnisse lassen sich beispielsweise durch den Einsatz von Smartglasses, also Brillen, in denen Computer und Displays integriert sind [Link → AR-Devices].
Zwei konzeptuelle Variationen
Die AR-Zone lässt sich als eine von zwei Variationen (oder als Mischform) umsetzen. Die erste Variation ist die modularisierte AR-Zone, die zweite ist die AR-Zone als Social Hub [Link → AR-Zone als Social Hub]
Die modularisierte AR-Zone
Die modularisierte AR-Zone setzt sich aus verschiedenen Modulen zusammen. Bei ihnen handelt es sich um einzelne AR-Anwendungen. Die AR-Module orientieren sich an den Funktionen einer Innenstadt, das bedeutet, dass einzelne Module beispielsweise in ihrer Ausführung so angelegt sind, dass sie ein kulturelles oder ein soziales Erlebnis ermöglichen. Anders ausgedrückt: Die Module ermöglichen es, einzelne Funktionen, die so nicht in der Innenstadt vertreten sind. Wie in einem Baukastensystem können so AR-Zonen aus verschiedenen Modulen zusammengestellt werden, die exakt an den konkreten Bedürfnissen, die sich aus dem Profil einer Innenstadt ergeben [→ Modulomat], ausrichten lassen.
AR-Zone als Social Hub
Die AR-Zone als Social Hub orientiert sich dagegen stärker an den Funktionsweisen der Sozialen Medien, die auf Location-based AR-Anwendungen übertragen werden. Im Fokus steht hier der Austausch der Innenstadtbesucher untereinander. Dabei können sie wie in den Sozialen Medien Inhalte von der und für die Community erstellen, konsumieren, empfehlen und liken. Im Unterschied zu den klassischen Sozialen Medien sind die Inhalte aber an einen tatsächlichen physischen Ort gebunden. Das heißt, dass nur vor Ort – in diesem Fall in der Innenstadt – erstellt und gesehen werden können. Auch Interaktionen sind entsprechend nur vor Ort möglich. Darüber werden die Anlässe für einen Besuch generiert.
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Beverungen, Daniel; Becker, Jörg; Gadeib, Andera; Schmitz, Gertrud (Hgg.): Interaktive Einkaufserlebnisse in Innenstädten. Digitale Dienstleistungen mit der smartmarket²-Plattform (2022).
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cima.monitor: Deutschlandstudie Innenstadt (2024). https://cimamonitor.de/deutschlandstudie-innenstadt/
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Deutscher Städtetag: Zukunft der Innenstadt. Positionspapier des Deutschen Städtetags (2021).
https://www.staedtetag.de/positionen/positionspapiere/2021/zukunft-der-innenstadt -
Deutsches Institut für Urbanistik: Frischer Wind in die Innenstädte (2022).
https://difu.de/publikationen/2022/frischer-wind-in-die-innenstaedte -
Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation: ELASTICITY. Experimentelle Innenstädte und öffentliche Räume der Zukunft (2021).
https://publica.fraunhofer.de/entities/publication/56bd6924-9470-41c9-9321-380acf421bd9 -
Küffmann, Karin; Meickmann, Lena; Veith, Tobias: Digitalisierung für eine besucherorientierte Innenstadt? Stadtentwicklung über digitale Informationswege und -aktiviatoren zur einer stärkeren Besucherbindung neu denken (2025).
