von Benedikt Manegold
Stirling XP (2022)
Stirling XP (2022)
von Benedikt Manegold
Die Stadt Stirling hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Sie will die erste voll augmentierte Stadt der Welt werden. Die App “Stirling XP” ist Ausdruck dieser Ambitionen. Die App, die sich an touristische Besucher wendet, weist eine Vielzahl von Funktionen auf. Sie werden im Werbematerial unter den Schlagworten Explore, Discover, Collect, Unlock, Experience und Storytelling gebündelt.
Da sie sich in erster Linie an Touristen wendet, ist die Navigation durch die Innenstadt eine der Kernfunktionen. An wichtigen Knotenpunkten leiten große Wegweiser in AR die Nutzer durch die Innenstadt. Außerdem lässt sich der eigene Standpunkt jederzeit auf einer interaktiven 3D-Karte der Stadt anzeigen. Die Nutzer können auch Informationen zu den Gebäuden abrufen, an denen sie sich gerade befinden. So macht das HUD etwa verborgene Geschichten sichtbar. Beispielsweise können historische Fotos eingeblendet werden, die verdeutlichen, wie die Straße vor 100 Jahren aussah.
Zusätzlich wurden Gamification-Elemente mit eingefügt. U.a. können die Nutzer:innen 3D-Modelle wichtiger Gebäude freischalten. Für das Modell des National Wallace Monument müssen sie z.B. die Stufen zum Denkmal erklimmen und erhalten dafür ein virtuelles Souvenir. Weitere Gamification-Elemente drehen sich um “Quests”, wie etwa die Suche nach virtuellen Wölfen, Löwen und Einhörnern. Durch die Quests können verschiedene Belohnungen freigeschaltet werden, etwa Elemente für ein eigenes Wappen, exklusive Filter für Soziale Medien oder detaillierte 3D-Modelle von wichtigen Landmarken, Gebäuden und Attraktionen.
Die App bietet auch Funktionen für lokale Einzelhändler und Akteure, die über die App ihre Waren, Dienstleistungen und Angebote bewerben können, etwa mit interaktiven Postern und Kunstwerken und virtuelle Einblicke in ihre Räumlichkeiten, ohne dass die Nutzer:innen den Bürgersteig verlassen müssen.
Mit der App wollte Stirling den Post-Covid-Knick im Tourismusbereich bekämpfen und wieder mehr Touristen anlocken. Gleichzeitig war es das Ziel, das Innenstadtzentrum als touristisches Ziel zu etablieren [s. Funktionserweiterungen], in dem digital mehr Informationen und mehr Wissen bereitgestellt werden. Die virtuelle Wegfindung löst dabei ein grundlegendes Problem in Stirlings Innenstadt: Viele der Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Darum ist das Anbringen von Wegweisern und Schildern an den meisten Stellen untersagt, wodurch die Wegfindung ohne Hilfsmittel erschwert wird. Die AR-Navigation behebt dieses Problem.
Mit Blick auf das Hauptziel, Stirling in die erste AR-Stadt der Welt zu verwandeln, hat der Stadtrat £200,000 in das Projekt investiert. Das Geld stammt aus Fördergeldern des Place Based Investment Programme der schottischen Regierung. Go Forth Stirling BID hat das Projekt unterstützt. Neben der Entwicklung der App wurde vor allem auch in Glasfaserkabel und 5G-Netzwerke investiert, um die nötige Infrastruktur für die Location-Based AR im Innenstadtbereich zu schaffen. Damit hat Stirling eine der Grundideen und -voraussetzungen für eine AR-Zone bereits vorweggenommen.
Durch den großen Funktionsumfang ist “Stirling XP” eine äußerst facettenreiche App. Sie ist eine Mischform aus “Toy” und “Tool” und bietet damit sowohl hedonischen als auch utilitaristischen Nutzen. Damit kann sie unter den bei Nutzern besonders populären “Infotainment-Apps” subsumiert werden [s. Toy oder Tool?]. Sie belohnt mit einzelnen Funktionen sowohl die kognitiven, affektiven als auch sozial-interaktiven Bedürfnisse der Nutzer, letzteres vor allem durch die digitalen Souvenirs, die einen Gesprächsanlass nach der Heimkehr der Touristen im Freundeskreis geben können [s. Nutzerbedürfnisse]. Das Modell des Wallace Monument erlaubt es, den Blick vom höchsten Punkt des Monuments nachzuerleben. Hier setzen die Macher die AR-Superkraft der Teleportation ein. Auch setzt die App für verschiedene Erlebnisse fast alle der AR-Superkräfte ein: Mit den historischen Straßenansichten wird beispielsweise dimensionale Sicht ermöglicht. Die vereinfachte Navigation im Innenstadtbereich ist eine Form der Hyperkompetenz. Die Nutzer können auch AR-Gesichts-Filter freischalten, wodurch Shapeshifting möglich ist. Aber auch die holographische Projektion wird abgedeckt. “Stirling XP” zeigt eindrucksvoll, wie sich touristische Funktionen durch den Einsatz von AR in einer Innenstadt implementieren lassen.
Weiterführende Links:
Promotionsvideo der Anwendung Stirling XP (2022)
