von Benedikt Manegold
Das Reallabor Gelsenkirchen: Szenarien auf dem Frankeplatz
Für die finale Erprobung wurde der Frankeplatz in ein polyvalentes Mixed-Reality-Areal transformiert. Die folgenden Module kamen dabei ortsbezogen zum Einsatz:
1. Kuration und Informationsvermittlung (AR 3D Info & Public Art)
● Vorgefertigte Infopoints:
Der Platz wurde mit einem Netz digitaler Informationstafeln bespielt. Um den redaktionellen Erstellungsaufwand der Tour zu minimieren, kamen primär die standardisierten Vorlagen mit werkseitig eingepflegten Inhalten zum Einsatz. Sie dienten als übergeordnete Orientierungspunkte und inhaltliche Klammer für die übrigen Module.
● AR Public Art (Kooperation mit dem Kunstmuseum Gelsenkirchen):
Um Kunstwerke aus dem musealen Raum in die Öffentlichkeit zu tragen, wurde eine digitale Open-Air-Galerie realisiert. Eine kuratierte Auswahl von Gemälden aus den Museumsbeständen wurde exakt an einer realen Fassadenwand des Frankeplatzes platziert, um Barrieren abzubauen und Impulse für einen Museumsbesuch zu setzen.
2. Untergrund- und Innenraumvisualisierung (AR Infrascan & X-Ray)
Da bestimmte historische oder infrastrukturelle Gegebenheiten physisch verborgen sind, machten die X-Ray-Module diese durch volumetrische Tiefenprojektionen jederzeit sichtbar.
● Infrastruktur-Scan (Glasfaserausbau Gelsenkirchen): An der Bochumer Straße wurde der fortschreitende Gigabit-Ausbau visualisiert. Nutzende konnten mittels der X-Ray-Taschenlampe virtuell in den Asphalt blicken, um den Verlauf der modernen Netzinfrastruktur und der Glasfaserleitungen physisch nachzuvollziehen.
● Paläontologische Spurensuche (Die Emscherpferde): Historische Bezüge wurden direkt auf dem Platz erlebbar gemacht. Das Modul visualisierte die „Emscherbrücher“, eine im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung ausgestorbene Wildpferderasse, die sich historisch in den dortigen Bruchwäldern bewegte.
● Virtuelle Kirchenöffnung (Blick in die Heilig-Kreuz-Kirche): Als architektonisches Highlight des Stadtteils ist die Heilig-Kreuz-Kirche aufgrund von Veranstaltungszyklen nicht durchgehend für das Publikum geöffnet. Das X-Ray-Modul ermöglichte an der Außenfassade einen perspektivisch korrekten, tiefen Einblick in den spektakulär umgebauten Innenraum des Sakralbaus.
3. Navigation und Barrierefreiheit (AR Wayfinder)
Ergänzend zur visuellen Öffnung der Heilig-Kreuz-Kirche kam die Navigationskomponente zum Einsatz. Das System erstellte eine barrierefreie Routenführung vom Frankeplatz zum barrierefreien Zugang des Kirchengebäudes. Endnutzende folgten hierbei dem animierten Leitelement, das den Weg abseits klassischer 2D-Karten immersiv erfahrbar machte.
4. Virtueller Marktplatz (AR Retail Showcase)
Um den lokalen Einzelhandel unabhängig von starren Ladenöffnungszeiten zu unterstützen, wurde ein digitaler Verkaufsstand implementiert. Für diesen Showcase wurden physische Kunstobjekte eines lokalen Künstlers aus Ückendorf mittels Photogrammetrie (unter Nutzung eines iPads und der Software Polycam) dreidimensional digitalisiert. Die detailgetreuen Assets wurden inklusive interaktiver Preisschilder auf einem virtuellen Marktstand auf dem Frankeplatz ausgestellt.
5. Partizipation, Identität und mediale Inszenierung
● Partizipative Stadtgestaltung (AR City Decor):
Nutzenden wurde die Möglichkeit eingeräumt, den Frankeplatz an vordefinierten Zonen virtuell durch das Pflanzen digitaler Bäume zu begrünen. Historischer Ankerpunkt: Die Platzierung erfolgte exakt an einer Stelle, an der in früheren Dekaden eine reale Eiche das Stadtbild prägte.
● Virtuelle Assistenz (Guide in AR):
Beim Initialisieren der Anwendung interagierten die Nutzenden mit einem virtuellen Tourguide. Das mittels Billboarding umgesetzte Greenscreen-Video passte sich kontinuierlich dem Blickwinkel des Nutzers an und lieferte eine kompakte Einführung in das Gesamtsystem.
● Kontextuelle Videoprojektion (AR Big Screen & ARtlab):
In einem realen Schaufenster, das selbst Teil historischen Filmmaterials ist, wurde ein virtueller Röhrenmonitor platziert. Dieser spielte eine Archivaufnahme ab, die eine historische Überschwemmung in Ückendorf dokumentiert. Flankiert wurde die Inszenierung im städtischen Raum durch ein großflächiges virtuelles Wandgemälde (Mural), das über das ARtlab-Modul an eine Hausfassade projiziert wurde.
● Lokale Zeitzeugen (AR Zeitzeugen):
Um das Erbe des Architekten Josef Franke, nach dem der Platz benannt wurde, und seiner Ehefrau (einer bildenden Künstlerin) zu würdigen, wurde direkt unterhalb des physischen Straßenschildes eine virtuelle Doppelstatue verankert. Diese fungiert als digitales Denkmal im öffentlichen Raum.
