von Lena Meickmann, Karin Küffmann

12 Minutes

Multifunktionale Innenstadt

Multifunktionale Innenstadt

von Lena Meickmann, Karin Küffmann

12 Minutes

1. Einleitung

Innenstädte erfüllen traditionell zentrale Versorgungsfunktionen, wie sie die Theorie der zentralen Orte beschreibt. Ihr grundlegendes Ziel besteht darin, eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Waren, Arbeitsplätzen sowie öffentlichen und privaten Dienstleistungen zu gewährleisten. Vor diesem Hintergrund ist insbesondere auch der historische Werdegang der Innenstadt zu reflektieren. In früheren Zeiten fanden neben Märkten, auch Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe innerhalb der Stadtmauern ihren Platz. Erst die Industrialisierung und das Bevölkerungswachstum änderte die Platzbedarfe; viele Ansiedlungen wurden vor der eigentlichen Innenstadt gebaut. Die Innenstadt bekam mehr und mehr den Charakter einer Treffpunkt- und Handelsfläche. Christaller unterscheidet zwischen Ober-, Mittel-, Unter- und Grundzentren, die jeweils unterschiedliche Funktionen und Einzugsgebiete haben. Diese sogenannten Verflechtungsbereiche sollen mit einem zumutbaren Zeit- und Kostenaufwand erreichbar sein und gewährleisten, dass zentrale Orte Einrichtungen bereitstellen, die nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern auch umliegende Gemeinden versorgen können. Im polyzentralen Ruhrgebiet, das im Gegensatz zu monozentralen Gegenden aus mehreren gleichwertigen Stadtzentren in enger räumlicher Nähe besteht, zeigt sich ein Sonderfall, der von der klassischen Theorie der zentralen Orte abweicht. Statt einer klaren hierarchischen Ordnung mit einem dominierenden Oberzentrum ist das Ruhrgebiet historisch als dezentral organisierter Ballungsraum entstanden, in dem kein Zentrum eindeutig die Führungsrolle übernimmt. Viele Stadtzentren übernehmen parallel wirtschaftliche, soziale und kulturelle Funktionen, wodurch überlappende Einzugsbereiche und funktionale Überschneidungen ergeben. Aus dieser Polyzentralität resultieren spezifische Herausforderungen: ein intensiver Wettbewerb zwischen den Städten, eine Zersplitterung von Funktionen, komplexe Anforderungen an Mobilität und Verkehrsplanung und ein besonders hoher Bedarf an interkommunaler Kooperation. Gleichzeitig waren die Innenstädte über Jahrzehnte stark monofunktional geprägt, meist dominiert vom stationären Einzelhandel. Diese einseitige Ausrichtung verstärkt die Abhängigkeit von Konsum und machte die Zentren anfällig für externe Schocks wie Strukturwandel, Digitalisierung oder pandemiebedingte Einschränkungen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die These an Bedeutung, dass Multifunktionalität ein strategischer Ansatz ist, um Innenstädte resilienter, lebendiger und zukunftsfähiger zu gestalten. Studien des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigen, dass Innenstädte mit vielfältigen Nutzungsstrukturen deutlich widerstandsfähiger gegenüber Krisen sind und langfristig eine höhere Aufenthaltsqualität bieten.

2. Wandel zur multifunktionalen Innenstadt

Der Wandel hin zur multifunktionalen Innenstadt ist kein abstraktes Leitbild, sondern eine durch Studien empirisch belegte Entwicklung. Multifunktionalität beschreibt dabei nicht nur die räumliche Mischung verschiedener Nutzungen, sondern auch deren zeitliche Überlagerung und die Fähigkeit eines Zentrums, flexibel auf gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Veränderungen zu reagieren. Die BBSR-Studien zeigen deutlich, dass Innenstädte schon vor der Pandemie unter Druck standen. Der Einzelhandel verlor kontinuierlich an Bedeutung, Leerstände nahmen zu und digitale Alternativen verschoben Konsum- und Mobilitätsroutinen. Die Pandemie wirkte als Beschleuniger, jedoch nicht als Auslöser. So dokumentiert die ExWoSt-Studie, dass die innerstädtischen Verkaufsflächen in den untersuchten Städten bis 2023 zwar nur moderat schrumpften, der Rückzug einzelner Leitbranchen wie Bekleidung oder Unterhaltungstechnik jedoch strukturelle Lücken hinterließ, die neue Nutzungen erfordern. Gleichzeitig zeigt die „Deutschlandstudie Innenstadt 2022“, dass besonders jüngere Menschen Innenstädte längst nicht mehr primär zum Einkaufen aufsuchen, sondern für Gastronomie, Freizeit, Kultur und soziale Begegnungen. Damit verschiebt sich der Fokus von einer monofunktionalen Handelslogik hin zu einem vielfältigen Nutzungsmix, der Wohnen, Arbeiten, Kultur, Bildung, Freizeit und Mobilität integriert. Multifunktionale Innenstädte gelten in den Studien als resilienter, weil sie weniger abhängig von einzelnen Branchen sind, breitere Zielgruppen ansprechen und durch vielfältige Anlässe stabilere Besucherfrequenzen erzeugen. Die BBSR-Publikation zur Partizipationskultur betont zudem, dass gerade Experimentierräume, temporäre Nutzungen und flexible Formate entscheidend sind, um diesen Wandel sichtbar und erlebbar zu machen.

3. Zentrale Funktionen einer multifunktionalen Innenstadt

Handel und Gastronomie bleiben heutzutage wichtige Bestandteile der Innenstadt, verlieren jedoch ihre Rolle als alleinige Leitfunktion. Die DIfU-Analyse beschreibt, dass der Einzelhandel zwar weiterhin Wertschöpfung generiert, aber nicht mehr in der Lage ist, die Innenstadt als Gesamtsystem zu tragen. Stattdessen gewinnen Kultur, Bildung und soziale Infrastruktur an Bedeutung, weil sie dauerhaft Frequenz erzeugen und verschiedene Bevölkerungsgruppen anziehen. Imakomm formuliert erstmals Mindestanforderungen an Multifunktionalität. Ein zukunftsfähiges Zentrum muss demnach sieben Funktionsbereiche abdecken: Versorgung, Gastronomie, Arbeiten, Wohnen, soziale Vielfalt, qualitative Aufenthaltsräume und Teilhabe. Ergänzend betont die ExWoSt-Forschung, dass Freizeit- und Erlebnisangebote wie Märkte, Popups und kulturelle Formate zunehmend zentrale Besuchsanlässe werden. Arbeitsorte in der Stadt für Handwerker, Bildungsunternehmen, CoWorker und Dienstleister stärken die ökonomische Basis und sorgen für Tagesfrequenz, während Wohnen und soziale Infrastruktur eine kontinuierliche Belebung über den gesamten Tagesverlauf hinweg ermöglichen.  Mobilität und öffentlicher Raum bilden das verbindende Element. Sie entscheiden darüber, wie zugänglich, sicher und attraktiv die Innenstadt wahrgenommen wird. Die Studien zeigen übereinstimmend, dass erfolgreiche Zentrenentwicklung immer mehrere Funktionsbereiche gleichzeitig adressiert und nicht mehr auf einzelne Leitfunktionen setzt.

4. Stakeholder der multifunktionalen Innenstadt

Aus dieser funktionalen Vielfalt ergibt sich eine komplexe Akteurslandschaft. Innenstädte sind traditionell Orte, an denen unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen: Verwaltung, Politik, Eigentümer, Handel, Gastronomie, Kulturinstitutionen, soziale Träger, Initiativen, Vereine und zunehmend auch digitale Akteure. Diese Vielfalt bringt Konfliktpotentiale z. B. bei der Flächennutzung, Lärm, Mobilität oder Investitionsentscheidungen; gleichzeitig jedoch auch enormes Innovationspotential. Gerade die Zusammenarbeit zwischen kommunalen Akteuren und privaten Eigentümer:innen ist entscheidend, weil letztere maßgeblich über die Nutzung und Entwicklung innerstädtischer Immobilien bestimmen. Zivilgesellschaftliche Initiativen (Kulturprojekte, Nachbarschaftsgruppen) können zusätzlich wichtige Impulse setzen und als Treiber neuer Nutzungen auftreten. Erfolgreiche Innenstadtentwicklung entsteht, wenn diese Akteure nicht isoliert agieren, sondern in kooperativen Strukturen zusammengeführt werden.

5. Wie können Stakeholder einbezogen werden?

Die Einbindung dieser Stakeholder erfordert geeignete Governance-Strukturen und Beteiligungsformate, die über klassische Informationssysteme hinausgehen. Erfolgreiche Prozesse sind durch transparente Kommunikation, klare Rollen, frühzeitige Entscheidungen und kontinuierliche Ansprechbarkeit geprägt. Informelle Beteiligungsformen (Information, Konsultation, Koproduktion) gelten als zentrale Erfolgsfaktoren, weil sie unterschiedliche Einflussgrade ermöglichen und Vertrauen schaffen. Die genutzten Studien beschreiben Reallabore, Experimente im öffentlichen Raum und temporäre Nutzungen als besonders wirksam, weil sie Ergebnisse sichtbar machen und Beteiligung niedrigschwellig ermöglichen. Diese Prozesse können durch digitale Plattformen ergänzt werden, indem sie Informationen bündeln, Beteiligung erleichtern und Akteure vernetzen. Die Studienlage betont, dass ein gemeinsames Leitbild notwendig ist, um Orientierung zu geben und Zielkonflikte konstruktiv zu bearbeiten. Förderprogramme, Zwischennutzungsmodelle, Unterstützung bei Genehmigungen oder die Bereitstellung von Flächen und Infrastruktur können als Anreize wirken, die Engagement und Kooperation erleichtern. Die ExWoSt-Forschung zeigt zudem, dass Koproduktion, also die gemeinsame Verantwortung von Verwaltung und Zivilgesellschaft, besonders wirksam ist, wenn klare Zuständigkeiten, Planungssicherheit und verbindliche Strukturen geschaffen werden.

6. Was braucht es für erfolgreiche Multifunktionalität?

Damit Multifunktionalität nicht nur ein Leitbild bleibt, sondern tatsächlich umgesetzt werden kann, braucht es mehrere strukturelle Voraussetzungen. Von großer Bedeutung ist eine gemeinsame Vision, die von allen relevanten Akteuren getragen wird. Projekte wie flexible Räume ermöglichen es, neue Ideen zu testen und Leerstände produktiv zu nutzen. Die BBSR-Studie zur Partizipationskultur zeigt, dass Experimente (die sogenannte Phase 0) nicht nur Innovation fördern, sondern auch als Realitätscheck dienen können, Akzeptanz und Veränderungen schaffen. Eine leistungsfähige digitale Infrastruktur ist notwendig, um hybride Nutzungsformen, digitale Services und smarte Mobilitätsangebote zu unterstützen. Finanzielle und organisatorische Unterstützung gelten als zentrale Hebel, um multifunktionale Entwicklungen langfristig zu verankern. Dabei sollten immer auch die Bürgerinnen und Bürger, die Schwerpunkte der Stadt mitbedacht werden; Kultur-, Sport- und Bildungsorientierung kann so der Innenstadt wieder zu mehr Leben verhelfen.

7. Fazit

Multifunktionalität ist ein zentraler Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit von Innenstädten. Sie können dann resilient, lebendig und attraktiv bleiben, wenn sie vielfältige Nutzungen integrieren, unterschiedliche Zielgruppen ansprechen und kooperative Strukturen etablieren. Der Wandel gelingt nur durch ein integriertes Vorgehen, das räumliche, soziale, digitale und organisatorische Aspekte zusammendenkt. Entscheidend ist, dass alle relevanten Stakeholder gemeinsam an einer Vision arbeiten und bereit sind, neue Wege zu gehen. Innenstädte können so zu lebendigen Reallaboren werden, die Wandel nicht nur bewältigen, sondern aktiv gestalten.

  1. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.): Innenstadt, Onlinehandel und Pandemie: Aufgabenfelder für die Zentrenentwicklung, ExWoSt-Informationen 54/2, 2024, online unter: https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/exwost/54/exwost-54-2-dl.pdf (abgerufen am 30.07.2026).

  2. Markert, P. Auf dem Weg zu multifunktionalen Innenstädten und Zentren. Standort 49, 202–205 (2025). https://doi.org/10.1007/s00548-025-01008-1

  3. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.): Urbane Resilienz in der Praxis. Leitfaden zur Umsetzung robuster und anpassungsfähiger Strukturen in Städten und Gemeinden, Sonderveröffentlichung, 2024, online unter: https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/sonderveroeffentlichungen/2024/urbane-resilienz-in-der-praxis-dl.pdf (abgerufen am 30.07.2026).

  4. Imakomm AKADEMIE GmbH (Hrsg.): Auf dem Weg zu multifunktionalen Innenstädten und Zentren, 2024, online unter: https://www.imakommakademie.de/images/pdf/241109_Imakomm_Publikation_Innenstadt_2024.pdf (abgerufen am 30.07.2026).

  5. Spektrum Akademischer Verlag (Hrsg.): Lexikon der Geographie – Zentrale-Orte-Konzept, online unter: https://www.spektrum.de/lexikon/geographie/zentrale-orte-konzept/9211 (abgerufen am 30.07.2026).

  6. GeoHilfe (Hrsg.): Modell der Zentralen Orte, online unter: https://geohilfe.de/humangeographie/stadtgeographie/stadtmodelle/theorie-der-zentralen-orte/ (abgerufen am 30.07.2026).

  7. Landesentwicklungsplan NRW

  8. Deutscher Städtetag, Zukunft der Innenstadt, Februar 2021

  9. CIMA Beratung + Management GmbH, Deutschlandstudie Innenstadt 2022

  10. Imakomm AKADEMIE GmbH, Zukunftsfeste Innenstädte, 2021

  11. Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, #elasticity, 2021

  12. Deutsches Institut für Urbanistik, Frischer Wind in die Innenstädte, 2022