von Lena Meickmann und Karin Küffmann
Problemfall Innenstadt
Noch vor rund 50 Jahren war die Innenstadt ein zentraler sozialer und kultureller Ankerpunkt, bei dem das Einkaufen weit mehr als die reine Versorgung mit Waren bedeutete. Persönliche Motive wie Rollenverhalten, der Wunsch nach Ablenkung, das Bedürfnis nach emotionaler Aufhellung oder die Suche nach Trends machten den Einkaufsbummel zu einer alltäglichen, oft sogar identitätsstiftenden Aktivität. Gleichzeitig spielten soziale Motive eine Rolle: Die Innenstadt fungierte als zentraler Treffpunkt, als Raum für Begegnungen, für Austausch mit Gleichgesinnten und für das Erleben von Zugehörigkeit, Status und Anerkennung. All diese Faktoren führten dazu, dass Menschen nicht nur zum Kaufen, sondern vor allem zum Erleben und Austausch in die Innenstadt gingen. Sie war ein lebendiger Ort, an dem Konsum, Freizeit und soziale Interaktion selbstverständlich ineinandergriffen und unterschiedliche Sinnesreize bedient wurden. Dieser Artikel folgt der Hypothese, dass sich die Konsumgewohnheiten der Menschen heutzutage durch gesellschaftliche Entwicklungen verändert haben und möchte mögliche Ursachen darstellen.

Heutige Problematik der Innenstädte und Ursachen
Die IHK Nordwestfalten untersucht seit 2014 in einem Zwei-Jahres-Rhythmus die Passantenströme in Mittelzentren der Emscher-Lippe-Region. Diese zeigen in Ruhrgebietsstädten rückläufige bis maximal stabile Entwicklungen, jedoch keine positiven. Die Kaufkraftkennziffern in unseren Partnerstädten Gelsenkirchen und Recklinghausen liegen unter dem Bundesdurchschnitt: in Gelsenkirchen bei 82,9 und in Recklinghausen bei 98,0. Diese Kennziffer sagt aus, dass das für Einzelhandelsausgaben zur Verfügung stehende Einkommen 17,1 Prozent bzw. 2 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Allgemein ist diese Kennziffer in Ruhrgebietsstädten eher unter als über dem Bundesdurchschnitt. Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in der Struktur des Einzelhandels wider. Nach Rechnungen des Handelsbranchenverbands HDE mussten im vergangenen Jahrzehnt rund 6.600 Läden in den Innenstädten pro Jahr schließen. Dennoch lassen sich seit 2010 stetig wachsende Umsätze im Einzelhandel verzeichnen:
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Diese Diskrepanz zwischen Passantenfrequenzen, Ladenschließungen und steigenden Umsätzen lässt im ersten Moment den Trugschluss zu, dass es dem Einzelhandel in den Innstädten unterm Strich nicht so schlecht gehen kann. Ein Grund für die Umsatzsteigerung ist jedoch die Steigerung der Verkaufspreise, nicht eine zu vermutende Absatzsteigerung. Auch das statistische Bundesamt zeigt auf, wie stark die Verkaufspreise seit dem Basisjahr 2020 angestiegen sind. Der Basiswert von 100 (=2020) ist im Einzelhandel ohne den Handel mit Kraftfahrzeugen auf 122,1 gestiegen. Noch deutlicher fällt der Anstieg im Einzelhandel mit Waren verschiedener Art in Verkaufsräumen aus. Hier erreicht der Index einen Wert von 130,8, was einer Preissteigerung von 30,8 % entspricht. Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass ein erheblicher Teil der Umsatzsteigerungen nicht auf erhöhte Absatzmengen, sondern auf inflationsbedingte Preisaufschläge zurückzuführen ist. Zudem beinhalten die aufgezeigten Umsätze nicht nur den stationären Einzelhandel, sondern auch den Online-Handel, der 2024 ca. 88,4 Milliarden Euro ausmachte. Wenngleich der Nettoumsatz des stationären Einzelhandels noch deutlich über dem des Online-Handels liegt, zeigt die Wachstumsrate seit 2010 die deutliche Konkurrenz. Im stationären Einzelhandel kann eine Wachstumsrate von rund 40 % festgestellt werden, während diese im E-Commerce-Bereich bei rund 350 % liegt.
Corona als Beschleuniger
Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die COVID-19-Pandemie. Die Statistik zeigt von 2019 auf 2020 einen Anstieg von 13,6 Mrd. Euro der Nettoumsätze de Online-Handels. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und die Angst vor Ansteckung führten dazu, dass viele Menschen ihre Einkäufe vermehrt online tätigten. Zahlreiche stationäre Händler, die bereits zuvor unter Druck standen, mussten während der Pandemie schließen und konnten sich auch danach finanziell nicht erholen. Die Leerstandsquote stieg von zuvor ca. 10 Prozent auf 14 bis 15 Prozent, die Frequenzen der Passanten sanken um knapp 10 Prozent.
Schon vor der Pandemie zeigte sich eine Tendenz zum Online-Handel. Laut einer Statista-Umfrage, die bereits im Jahr 2017 durchgeführt wurde, kaufen nur 5 % der Befragten lieber im Geschäft vor Ort ein. Es ist zu vermuten, dass diese Zahl bis heute noch weiter gesunken ist. Die Gründe für die Bevorzugung des Online-Handels gehen von Bequemlichkeit über besseren Informationsfluss bis hin zu günstigeren Preisen und größerer Produktvielfalt.
Damit wird klar: Die Pandemie wirkte weniger als Auslöser, sondern vielmehr als Beschleuniger bereits bestehender Entwicklungen. Sie verstärkte strukturelle Schwächen, die sich zuvor über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut hatten und machte diese deutlich sichtbar. Sinkende Kaufkraft, veränderte Konsumgewohnheiten, wachsende Online-Konkurrenz und eine zunehmende Entkopplung von sozialem Leben und stationärem Handel stellen einen Kreislauf dar, der sich selbst verstärkt. All diese Faktoren haben die Innenstädte in eine Situation geführt, in der traditionelle Geschäftsmodelle immer weniger zur Attraktivität der Innenstädte beitragen.
Fazit
Aus all diesen Beobachtungen ergibt sich ein klares Bild. Die Herausforderungen der Innenstädte sind nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen, sondern bilden ein komplexes Zusammenspiel wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und technologischer Veränderungen ab. Steigende Leerstände, veränderte Konsummotive und der massive Bedeutungsgewinn des Online-Handels verstärken sich gegenseitig und führen zu einem Abwärtstrend, der ohne geeignete Gegenmaßnahmen wohl kaum aufzuhalten ist.
Um Innenstädte wieder zu lebendigen Zentren des sozialen und wirtschaftlichen Lebens zu machen, braucht es daher neue Konzepte, die über den klassischen Einzelhandel hinausgehen: multifunktionale Räume, stärkere Aufenthaltsqualität, kulturelle Angebote, Dienstleistungen, Gastronomie und Orte für Begegnungen. Nur wenn Innenstädte wieder als Erlebnis- und Lebensräume wahrgenommen werden, können sie ihre frühere Bedeutung zurückgewinnen.
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Tauber, M.: Why Do People Shop?, 1972
- IHK Nord Westfalen (Hrsg.): Passanten-Frequenzzählung in den Mittelzentren des IHK-Bezirks 2024
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Imakomm AKADEMIE GmbH (Hrsg.): Zukunftsfeste Innenstädte, 2021
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Deutscher Städtetag (Hrsg.): Zukunft der Innenstadt, 2021
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Kolf, F. / Scheppe, M.: Diese Innenstädte zählen bis zu 43 Prozent mehr Besucher, Handelsblatt, 2025, online unter: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/einzelhandel-diese-innenstaedte-zaehlen-bis-zu-43-prozent-mehr-besucher-03/100088629.html (abgerufen am 30.07.2026).
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IHK Chemnitz (Hrsg.): Studie zur Situation des Einzelhandels, 2021, online unter: https://www.ihk.de/blueprint/servlet/resource/blob/5357964/23b5324f2f9f320b73c8f7373e711c86/studie-einzelhandel-2021-data.pdf (abgerufen am 30.07.2026).
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Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Verbraucherpreisindizes – Index der Einzelhandelspreise, online unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Preise/Verbraucherpreisindex/Tabellen/Einzelhandelspreise.html (abgerufen am 30.07.2026).
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Statista (Hrsg.): Umfrage zu den Gründen für das Online-Shopping in Deutschland, online unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/219677/umfrage/gruende-fuer-online-shopping/ (abgerufen am 30.07.2026).
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